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Erika Ria Otto (2013)

CANTIO von Vykintas Baltakas, das 2004 in München uraufgeführt wurde, wird dieses Jahr im Rahmen von Ultraschall – Das Festival für Neue Musik in einer Inszenierung von Cornelia Heger und unter der musikalischen Leitung des Komponisten auf die Bühne zurückkehren. Das Libretto von Sharon Joyce wird hierfür zum ersten Mal in der deutschen Fassung von Erika Otto zu hören sein.

Was passiert, wenn die Götter die Stadt verlassen?
Diese Frage beschäftigte so manchen Rhetoriker im Griechenland der Antike – allerdings nicht als philosophisches Rätsel, sondern als praktische Aufgabe, an der die eigene Sprachkunst erprobt werden sollte. Anstatt die Angebeteten mit trockenen Floskeln oder logischen Argumenten zum Bleiben zu überreden, führten die Rethoren ihnen vor Augen, was sie hinter sich lassen und worauf sie zusteuern würden; nicht nur die vertraute Heimat, sondern auch die Fremde wurden möglichst eindrücklich beschrieben. Das Verlassen des sicheren Hafens wurde alsdann schnell zum Ausgangspunkt einer schaurigen Irrfahrt ins Verderben – denn was drohte nicht alles auf der anderen Seite der Stadtmauern?
Vykintas Baltakas hat mit seiner Oper CANTIO eine amüsante und gleichzeitig tiefsinnige Auseinandersetzung mit diesem Thema geliefert, indem er die antike Figur Psel (Vivian Lüdorf), eine mythische Mischung aus Fabelwesen und Zikade, auf heutige Protagonisten treffen lässt, die sich dem Monolog der sonderbaren Kreatur kaum entziehen können und so zu teils beredten, teils stummen Zeugen eines Denkabenteuers werden, das sie letztlich selbst mit fortreißt.
Als geheimnisvolle Mittlerin zwischen den Menschen und den Göttern hat Psel den Wunsch, letztere vor ihrer Abreise noch einmal zur Besinnung darüber zu bringen, was sie zurücklassen werden – ein Land voll Sonne und Wärme, dessen sommerliche Dürre die Bewohner nicht von der Vorstellung abbringen kann, dass sie „glücklich“ seien. Wohin die Himmelsväter geraten könnten, wenn sie diesen Ort aufgeben, bildet den Inhalt der darauf folgenden Erzählung, die irgendwann nicht mehr nur von Psel persönlich, sondern auch von ihren Manifestationen fortgeführt wird. Diese werden durch drei Sänger dargestellt, die die Muttersprache verlassen und ihren Text auf Altgriechisch vortragen. Immer weiter entführt Psel ihre Zuhörer so in eine Welt voller unbekannter Kreaturen und fantastischer Landschaften, die eine gefährliche Schönheit ausstrahlen; bis sie kaum noch verständliche Worte für das findet, was am Rande der Welt lauert. Während die Freude an sprachlichem und musikalischem Klang zunächst überwiegt, scheint alsbald die Kehrseite dieser schillernden Phantasmagorie durch: Absurditäten und Unwägbarkeiten, deren bedrückende Bild- und Klangwelt die Götter vielleicht doch noch zum Bleiben motivieren könnte – wenn sie denn überhaupt zuhören.
Dieser Versuch einer Beschwörung in Form einer imaginierten Reise über die Grenzen des Bekannten und Fasslichen hinaus ist auch für den heutigen Zuschauer faszinierend; denn trotz unablässiger Bemühungen um die Kartierung der Erdkugel, ja des gesamten Kosmos bietet die hier versuchte sprachliche Kartierung des Unmöglichen Anlass zu wichtigen Fragen über Sinn und Unsinn, über Denkbares und Undenkbares in unserer Welt.
Hinter den unheimlichen und exotischen Erscheinungen, die in CANTIO besprochen und besungen werden, verbergen sich so oft nüchterne Fragen: Was für Orte sind „Heimat“, „Fremde“ oder „Himmel“? Welche Sicherheiten bieten uns Gradmesser, Kompass und Steinmauern? Wie weit können wir laufen, wo ist das Ende der Welt? Wie fühlt es sich an, sich im Kreis zu drehen? Welche Trugbilder brauchen wir zum Überleben? Wann ist die Realität schlimmer als jedes Schreckgespenst? Kann man je zurück? Und warum können wir trotzdem lachen?

In der transparenten, teilweise choreographischen Inszenierung von Cornelia Heger gewinnen die einzelnen Figuren des Stücks an Tiefenschärfe und bewegen sich leichtfüßig durch die unterschiedlichen Schauplätze einer Reise, die eben nicht räumlich, sondern im Kopf stattfindet.
Hierbei treffen fünf Schauspieler auf die Sprecherfigur Psel, die an einem späteren Punkt des Stücks von drei Sängern begleitet wird. Die szenische Herausforderung besteht dementsprechend darin, die mannigfachen Realitäts- und Bewusstseinsebenen der dargestellten Figuren in eine Bühnenhandlung zu integrieren. Neue Texte für die deutsche Fassung verhalfen den Schauspielern zu originellen, teils lautmalerischen Einsätzen, die auf die Komposition antworten und eine weitere Perspektive auf die einzelnen Ebenen des Stücks eröffnen.
Fred Pommerehn entwarf das Bühnenbild, welches den Betrachter durch bewegliche Räume und überraschende Seheindrücke herausfordern und anregen möchte. Im Sinne des existentiellen Charakters des Stückes, wie ihn Vykintas Baltakas auch im folgenden Interview beschreibt, obliegt es dem Zuschauer, die unterschiedlichen Bilder und Orte, die von Psel genannt werden, vor dem inneren Auge erstehen zu lassen, während die Ästhetik des Bühnenraums die unsichtbaren, unausgesprochenen Fragen und Strukturen aufgreift, denen CANTIO nachgeht.
Zwischen Innen und Außen, sinnlicher Wahrnehmung und Imagination, Sprechen und Schweigen vollzieht sich somit eine dialektische Bewegung; ausgehend vom halb geräuschhaften, halb menschlichen Gesang der Zikade wird der Zuschauer aus den allzu bekannten, alltäglichen Zusammenhängen gelockt und ins Ungewisse entführt. Fragmentarische Sprechversuche bilden hierbei nicht die Grenze, sondern den Anfang eines nach neuen Perspektiven suchenden Bewusstseins.
Entsprechend der Einsicht, dass manche Fragen zwar nicht für immer, aber immer wieder beantwortet werden können, hat Vykintas Baltakas CANTIO als große Kreisbewegung komponiert, deren offene Innenstruktur durch die mäandernde Rede von Psel bestimmt wird.
Versehen mit musikalischen und sprachlichen Aktualisierungen tritt CANTIO seinen Zuschauern 2013 in neuer Inszenierung gegenüber – als Expedition in ein unbekanntes Gedankenreich, das Verknüpfungen und Fragen bereit hält, die einen noch länger beschäftigen werden.